Dreschflegel e. V.

Archiv: Ernährungssouveränität und Saatgutpolitik von ganz rechts oben (Anja Banzhaf 2016)

Die Befürwortung kleinbäuerlicher Landwirtschaft, regionaler Kreisläufe, lokaler oder "traditioneller" Sorten und die Ablehnung restriktiver EU-Gesetze erlauben auch nationalistische und rassistische Interpretationen. Auch der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen wird von der extremen Rechten gefordert – allerdings immer mit dem Zusatz, Naturschutz sei "Heimatschutz".

Die Redaktion der rechtsextremen Zeitschrift Umwelt & Aktiv formuliert in ihren Grundsätzen, sie würde "nicht länger jenen Menschen das Thema Umweltschutz und Naturschutz überlassen, denen gar nichts an der Heimat liegt" (1).

Ziel sind nicht gemeinsame Entscheidungen über einen zukunftsfähigen Umgang mit den Lebensgrundlagen, sondern der Erhalt des "Volkes": "Ohne eine ökologisch verantwortliche Politik ist jedes Volk in seinem Bestande bedroht", heißt es im NPD-Programm von 2003. Auf der Internetseite der NPD liest sich zudem: "Naturschutz und nachhaltige Landwirtschaft sind nicht voneinander zu trennen" (2).

Die Ausgestaltung dieser Landwirtschaft soll möglichst bäuerlich und traditionell sein, was sich unter anderem in der Blut-und-Boden-Ideologie völkischer Bewegungen begründet. Nach dieser Ideologie ist das Leben durch die zwei "Ur-Elemente" Blut und Boden bestimmt. Das Blut steht für die rassistisch hergeleitete "Abstammungs-Gemeinschaft", also das in dieser Weise definierte "Volk".

Das "Schicksal des deutschen Volkes" hängt dieser Ansicht nach davon ab, inwieweit sich Blut und Boden verbinden können. Somit gelten Bauern durch ihre Arbeit mit dem Boden als "Seele und Urquell der Deutschen". Die Ausweitung des "deutschen Bauernstands" durch viele kleine und möglichst händisch arbeitende Familienbetriebe ist daher oberstes Ziel in der Landwirtschaftsdebatte der extremen Rechten (3).

Mit dieser Argumentation geht auch der Gedanke der nationalen Autarkie einher: "Die deutsche Landwirtschaft muß wieder den Stellenwert eines zentralen Wirtschaftszweigs bekommen. Dabei gilt es, mit landwirtschaftlichen Produkten weitestgehend nationale Selbstversorgung anzustreben" (4).

Zu diesen landwirtschaftlichen Produkten gehört auch das Saatgut. Das nationalsozialistische Regime setzte schon 1934 die "Verordnung über Saatgut" durch, und umfangreiche Sortenbereinigungen folgten.

Auch heute noch haben die Rechtsextremen zum Themenbereich Saatgut etwas zu sagen: "In Deutschland […] muß jeglicher Gentechnikanbau unterbleiben. Als Kulturnation lehnen wir aus ethischen Gründen die Erteilung von Patenten auf […] pflanzliches Erbgut ab.

[…] Aufgrund der großen Bedrohung der Nutzpflanzenvielfalt durch Saatgutkonzerne und Gentechnikfirmen fordert die NPD die Möglichkeit ungehinderten Anbaus und Vermarktung heimischer Kulturpflanzen und deren Saatguts" (4).

Um dies durchzusetzen, zeigt die NPD durchaus Engagement: Der Initiative Gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See stand zwischen 2005 und 2007 – zunächst unbemerkt – das NPD-Mitglied Helmut Ernst vor. In dieser Zeit gab er in einem Interview mit der NPD-Zeitschrift Deutsche Stimme seine Position zu Gentechnik wieder: "Sechs Konzerne beherrschen derweil den Markt für gentechnisch verändertes Saatgut.

[…] Die Ernährungssouveränität der Völker soll schlichtweg gebrochen werden; im Sinne der Globalisierer kommt es zu einer Versklavung der Bauern weltweit. Vor diesem Hintergrund ähnelt Gentechnik durchaus einer Massenvernichtungswaffe" (5).

Wollen auch die tiefbraunen Ökologen Ernährungssouveränität erreichen? Bei ihnen ist dieser Begriff jedoch im Kontext von nationaler Autarkie als Abgrenzung nach "außen" zu verstehen. Diese Art der Ernährungssouveränität soll durch einen starken Nationalstaat erreicht werden.

Beispielsweise hatte im nationalsozialistischen Regime der sogenannte Reichsnährstand die Aufgabe, die bäuerliche Produktion von oben herab zu kontrollieren: "Der Reichsnährstand ist nicht nur dazu berufen, dem Bauer helfend und beratend zur Seite zu stehen, sondern seine Aufgabe ist in erster Linie auch, die ständische Zucht zu wahren und dem Willen der Führung bis in den kleinsten Hof Geltung zu verschaffen" (6).

Manche Forderungen der Rechtsextremen ähneln denen emanzipatorischer Bewegungen. Als Reaktion darauf versuchen viele Initiativen, NPD-Mitglieder und Menschen rechtsextremer Gesinnung per Satzung oder mit ähnlichen Mitteln auszuschließen. Doch wirksamer ist eine klare und saubere Argumentation, die inhaltliche Überschneidungen gar nicht erst zulässt.

Nationalstaatlich durchgesetzte Autarkie und Ausschluss anderer Menschen, eine völkisch-traditionalistische Begründung der bäuerlichen Landwirtschaft und der Anbau "heimischer" Kulturpflanzen: Auf den zweiten Blick lassen sich rassistische und nationalistische Ideologien leicht enttarnen!

Eine emanzipatorische Ernährungssouveränität hingegen wendet sich nicht grundsätzlich gegen Handelsvereinbarungen, sondern gegen Praktiken, die von oben herab gegen den Willen der Menschen durchgesetzt werden. Eine Ernährungssouveränität "von unten" basiert auf der Selbstermächtigung aller Menschen rund um die Erde, die kollektiv in ihren Gemeinschaften entscheiden, was Ernährungssouveränität für sie bedeutet.

Dies verdeutlicht Elisabeth Mpofu, Bäuerin und globale Koordinatorin des Netzwerks La Via Campesina in einer Rede im Januar 2014 in Den Haag: "Während es wahr ist, dass das Konzept der Ernährungssouveränität von La Via Campesina kommt, haben wir kein Patent darauf. Vielmehr laden wir alle Sektoren der Gesellschaft [weltweit] ein, daran mitzuwirken. Mit unserem […] gemeinschaftlichen Sinn des Teilens und der Großzügigkeit freuen wir uns über all eure Beiträge."

Etwas später in der Rede ergänzt sie: "Das ist es, wie wir Ernährungssouveränität von unten aufbauen" (7).

Eine solche Argumentation lässt keinen Platz für rechtsextremes ‘Gedankenungut’.


Fußnoten

(1)
U&A (Umwelt & Aktiv) 2015: An die Besucher der Seite. www.umweltundaktiv.de (22.1.2015).

(2)
NPD 2015: Umwelt – schützt unseren Lebensraum. www.npd.de/thema/umwelt (22.1.2015).

(3)
Franke 2012: Naturschutz gegen Rechtsextremismus. Eine Argumentationshilfe. Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz: 25ff.

(4)
NPD 2010: Arbeit. Familie. Vaterland. Das Parteiprogramm der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD): 15.

(5)
Deutsche Stimme 2006: Für die Ernährungssouveränität der Völker. Im Gespräch mit Helmut Ernst, September 2006.

(6)
Visser, Joost o.D.: Reconsidering ITPs/Breeders Law. A biological necessity. Utrecht, Niederlande: 2.

(7)
LVC 2014: Rede von Elisabeth Mpofu, Koordinatorin von La Via Campesina, Yale Konferenz zu Ernährungssouveränität in Den Haag, Januar 2014: 1f, Übers. AB.

Herzlichen Dank an Anja Banzhaf und den Oekom-Verlag für die Genehmigung des Abdruckes!


Übersicht Archiv »»

© Dreschflegel e. V. 2018 | Kontakt | Impressum | Sitemap | Datenschutzerklärung | nach oben nach oben