Dreschflegel e. V.

Lebendige Erhaltung ostfriesischer Kulturpflanzen (Autoren: Tomma Willms und Reinhard Lühring)

Ein Beitrag, den andauernden Verlust an biologischer Vielfalt aufzuhalten, ist das Projekt „Lebendige Erhaltung ostfriesischer Kulturpflanzen“ des Dreschflegel e.V.

In manchen ostfriesischen Orten, deren Namen für Auswärtige einen eigentümlichen Klang haben, pflegen einige Einwohnerinnen und Einwohner einen besonderen Lebensstil.

Als SelbstversorgerInnen säen, umsorgen und ernten sie, was seit Generationen in ihren Gemüsegärten wächst, und bewahren dadurch alte Kulturpflanzen. Dieser lebendige Schatz und das Wissen um ihn sind fast verschwunden.

Mit jedem Gemüsegarten, der nicht mehr beackert wird, gehen alte Sorten verloren, und es stirbt ein Stück ostfriesische Identität.

Alte Kulturpflanzen bereichern jedoch unsere Kultur und können überraschend genussvoll sein, wenn sie den Weg zurück in unsere Küche und auf unseren Tisch finden.

Sehr lecker ist beispielsweise der Frühjahrsaustrieb vom Grünkohl im zweiten Jahr. Die Knospen und jungen, zarten, feinen Blätter zeigen sich als herausragende Delikatesse für vielerlei Gerichte, die auch traditionell von einigen OstfriesInnen geschätzt wurden.

In den Genbanken finden sich kaum Sorten aus der Region Ostfriesland. Die Verantwortung für den Erhalt der alten Sorten ruht daher heute nur noch auf den Schultern der über Siebzigjährigen.


Tradiertes Wissen ist gefährdet

Das Wissen um den Anbau und die Auslesekriterien wurden früher von Generation zu Generation weitergegeben. Sorten, die einer Familie „gehörten“, kamen mit der Aussteuer von Dorf zu Dorf und manchmal auf neue Kontinente. Besondere Rarität ist eine Puffbohne, die 1901 den Weg nach Amerika nahm. Diese „Auswanderer-Bohne“ fand zurück in die ostfriesische Heimat und wird nun auch hier wieder angebaut.

Mittlerweile haben wir etwa 220 Herkünfte verschiedener Sorten in 75 Orten gefunden. Unser Ziel, diese Sammlung zu erhalten und die Sorten an viele Menschen zu geben, damit sie weiter wachsen und gedeihen, verfolgen wir mit dem Projekt „Lebendige Erhaltung ostfriesischer Kulturpflanzen“.

Früher war ein Rundgang durch Stall und Garten bei einem sonntäglichen oder abendlichen Teebesuch bei Verwandten oder Freunden ein fester Bestandteil. Hierbei wurde gefachsimpelt, es wurden Erfahrungen ausgetauscht und manches Mal auch von besonderen Sorten Saatgut oder Pflanzen weitergegeben.

Selbst wenn auf Geburtstagen beispielsweise der Verlust von einer Sorte zur Sprache kam, irgendjemand konnte immer mit Saatgut aushelfen. Fast alle hatten Gärten und machten von vielen Gemüsearten und Blumen Saatgut. Diese Kultur ist in den letzten Jahrzehnten fast gänzlich verschwunden und soll durch dieses Projekt wieder in Gang gebracht werden.


Aktionen - wir tun was gegen den Verlust

Die umfangreiche Sammlung wurde und wird auf den Hofflächen von Reinhard Lühring in Schatteburg, Rhauderfehn angebaut, vermehrt und beschrieben. Vor allem ist Saatgut geerntet und an potenzielle ErhalterInnen abgegeben worden.

Großes Interesse an der Erhaltung ostfriesischer Kulturpflanzen zeigte sich bei Infoveranstaltungen. An 125 ErhalterInnen wurde auf Wunsch Saatgut abgegeben. Das dazugehörige Wissen über den Anbau und die eigene Vermehrung wurde in einem Saatgutseminar vermittelt.

Blühender und reifender Grünkohl ist in verschiedenen öffentlichen Gärten der Region zu bewundern gewesen. Wir freuen uns, dass in diesen Gärten nun auch einzelne Sorten erhalten werden.

Hierzu gehören:

  • der NABU Schulbauernhof Woldenhof in Wiegboldsbur
  • die Naturschutzstation in Lüb109bertsfehn
  • Befis Naturgarten in Rhauderfehn
  • das Museumsdorf Cloppenburg

Abgerundet wurde das Projekt mit einem „Grünkohlessen mal anders“ für die neuen ErhalterInnen: moderne Grünkohlgerichte aus eigens hierfür angebauten verschiedenen Grünkohlsorten.

Ein reger Erfahrungsaustausch der ErhalterInnen ostfriesischer Kulturpflanzen stand hier im Vordergrund. Deutlich wurde, wie wichtig und motivierend der Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen ErhalterInnen ist.

Unterstützt wurde dieses Projekt des Dreschflegel e.V. von der Irma Waalkes Stiftung und der Software AG Stiftung.

Ein Fortführen der Begleitung der ErhalterInnen und der Austausch mittels einer Plattform sind für die Förderung der biologischen Vielfalt in der Region Ostfriesland von sehr großer Bedeutung. Wir wollen diese wichtige Arbeit auf jeden Fall in einem neuen Projekt fortsetzen.


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