Dreschflegel e. V.

Was wird, wird still (Autoren: Martina Bünger, Ludwig Watschong und Quirin Wember, 2015)

Erinnerungen an Ingeborg Haensel

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Foto: R. Haensel

Am 8.7.2014 ist Ingeborg Haensel im Alter von 93 Jahren gestorben. Wir sind dankbar für das, was sie uns gegeben hat, was sie bewegt hat und freuen uns, dass dies lebendig bleibt und weiter wächst.

Ludwig: Zum ersten Mal hörte ich Anfang der 80er Jahre von Frau Haensel, als ich Saatgut von dem ersten deutschen Bio-Gemüsezüchter Thomas Becker gekauft habe. Sie baute damals Saatgut für ihn an. Im Zusammenhang mit meiner Arbeit für den VEN habe ich sie dann Ende der 80er Jahre besucht. Zu dieser Zeit produzierte sie Saatgut im Initiativkreis für biologisch-dynamisches Gemüsesaatgut.

Martina: Während meines Landwirtschaftsstudiums ist mir bewusst geworden, welche Tragweite die Saatgutproduktion hat. Ich habe von dem Initiativkreis gehört und dort Frau Haensel das erste Mal getroffen. Sie erzeugte schon lange ihr Saatgut selbst.

Quirin: Ja, dort habe ich sie auch kennengelernt, als es darum ging, erstmals biologisches Gemüsesaatgut für Erwerbsgärtnereien verfügbar zu machen. Ingeborg Hänsel war eine der ersten zehn VermehrerInnen. Sie betrieb die Vermehrung in relativ kleinem Rahmen, aber hatte mit die längste Erfahrung darin.

Ludwig: Ich habe sie besucht, um einen Artikel für das Samensurium zu schreiben, das Mitgliederheft des VEN. Sie hatte mich eingeladen und hat mir aus ihrem Leben und von ihrem Saatgutanbau erzählt, während ich ihr geholfen habe, Erbsenshülsen auszupulen. Sie war eine überzeugte Demeter-Vermehrerin. Als ihre Kinder noch klein waren, bemühte sie sich um gesunde, natürliche Nahrungsmittel und kam so über die Erzeugung von unbelastetem Gemüse zur Basis unserer Nahrungsmittelerzeugung, dem Saatgut.

Martina: Mich hat sie etwa 1990 zu sich nach Spiekershausen eingeladen, und ich hatte meine erste Feldbegehung bei ihr. Umwerfend war die Vielfalt, die sie pflegte. Alle gängigen Gemüsesorten und viele Blumen, die den Garten zu einer wahren Pracht machten. Die Gespräche waren voll von Fachinformationen, aber auch immer wieder kamen persönliche Themen auf: die Flucht in den Westen; die Uneinigkeit mit ihrem Mann, der konventionell wirtschaftet; das wenige Geld, das sie so verdient; die Kinder. Sie wirkte immer getragen von ihrer Leidenschaft der Sortenerhaltung und dem Demeteranbau, und ihre offene Bereitschaft, alles weiter zu geben und zu teilen, hat mich sehr berührt.

Quirin: Sie hatte viele Kopien von dem Buch ‘Der Gemüsesamenbau’ von Karl Reichelt gemacht und weitergegeben. Es war ihr sehr wichtig, diese Kenntnisse wieder mehr zu verbreiten. Die Kopie habe ich viel benutzt und hab sie heute noch. Später hat sie dann ihre Erfahrungen selbst in einem Büchlein festgehalten.

Martina: Auch das Haus hat einen starken Eindruck auf mich gemacht, es war von unten bis oben mit zu trocknendem Saatgut vollgestellt: Büschel von Oregano, Zitronenmelisse und anderen Kräutern hingen von den Decken, und in Kisten stapelten sich verschiedenste Blumensamen, die auf die Reinigung warteten. Und immer gab es Tee und Kuchen. Als sie älter wurde, hatte sie ein starkes Interesse, Leute zu gewinnen, welche die von ihr gepflegten Böden und Sorten übernehmen. Leider konnte ich ihr niemanden vermitteln.

Quirin: Jahrelang hat sie eine wunderschöne Blumenmischung aus mehr als dreißig Sorten zusammengestellt. Später hätte sie gerne gesehen, wenn ich die weiter geführt hätte, aber das konnte ich nicht leisten.

Martina: Ich habe die Besuche immer sehr genossen und Frau Haensels Kraft bewundert, mit der sie auch im hohen Alter ihre Ziele verfolgt hat. Für mich war sie eine große Unterstützung, sie hat mir viel gezeigt und uns Neulingen vermittelt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es hat mich auch sehr erfreut, dass sie mich noch einmal bei uns im Schaugarten in Schönhagen besucht hat und wir gemeinsam durch unseren Garten gehen konnten.

Quirin: Manchmal schwang bei ihr auch eine Enttäuschung oder Traurigkeit mit, wenn ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wurde. Etwa wenn GärtnerInnen eine andere Rote Bete ihrer Selektion von ‘Rote Kugel’ vorzogen – wo ihre doch viel schöner war!

Ludwig: Ich habe mich gefreut, sie trotz ihres hohen Alters hin und wieder noch bei den regelmäßig stattfindenden Demeter Hof-Gesprächen zu treffen. Bis zuletzt lagen ihr die Pflanzen sehr am Herzen.

Quirin: Auch wenn manchmal Jahre zwischen unseren Begegnungen lagen, hat sie sich genau erinnert und mich gefragt, was aus der ein oder anderen Sorte bei mir geworden ist. Zuletzt habe ich sie 2012 in Kassel auf der Saatgut-Tagung der Zukunftsstiftung Landwirtschaft gesehen, die ließ sie sich nie entgehen. Da sah sie die Früchte ihrer Arbeit und gleichzeitig, wie andere Menschen an den Saatgutthemen weiterarbeiten.


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